Ehrenamt gegen Soziale Benachteiligung: Bundesverdienstkreuz für den Vorkämpfer der Alltagsbegleitung
14.02.2026Der Sonderpädagoge Prof. Dr. Gotthilf Hiller erhält das Bundesverdienstkreuz am Bande
Eines steht fest: Es gibt noch öffentliche Ehrungen und Preisverleihungen, die nicht aus taktischen Fußballgründen oder Gewinnstreben erfolgen, sondern wirklich Ehrwürdige treffen. Im Dezember 2025 nahm Prof. Dr. Gotthilf Hiller im Stuttgarter Schloss das Bundesverdienstkreuz am Bande entgegen. Es wurde ihm verliehen „für seinen großen persönlichen ehrenamtlichen Einsatz, den er unter Zurückstellung eigener Interessen viele Jahre zugunsten junger Menschen in sozial deprivierten und riskanten Lebenslagen weit über das normale Maß hinaus geleistet hat“.
Gotthilf Gerhard Hiller zählte bei seiner Ernennung mit 28 Jahren zu den jüngsten Professoren in Deutschland und lehrte bis 2004 an der Pädagogischen Hochschule Reutlingen Lernbehindertenpädagogik. Er erforschte den Alltag und dachte die „Bildung von unten“ neu. Mit diesem Ansatz setzte er von Beginn an neue Akzente in der Lernbehindertenpädagogik. Schließlich trägt Jahrzehnte später eine Festschrift anlässlich seines 60.Geburtstages den Titel Bildung von unten denken. Die Autorinnen und Autoren fordern darin in der Tradition Hillers eine Pädagogik, die nicht von oben herab wirksam ist und fördern will, sondern in erster Linie die Lebensrealitäten benachteiligter Menschen wahrnimmt und ernstnimmt, um schließlich Chancengleichheit zu schaffen.
Hiller gehört zu denjenigen Sonderpädagogen, die sozialer Benachteiligung mit ehrenamtlichem Engagement aus der Mitte der Zivilgesellschaft heraus zu begegnen suchen. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene brauchen nicht in erster Linie Regeln, Trainings und Disziplinierung, sie brauchen einsatzbereite Mitmenschen und Experten in verschiedenen alltäglichen Spezialfragen. Der geeignete Umgang mit sozialer Benachteiligung wurzelt in einer breiten gesellschaftlichen Aktivierung. Folgerichtig verpflichtete Hiller in seiner aktiven Lehrzeit die Studenten zur Alltagsbegleitung, erzählte von Lebensgeschichten aus anderen sozialen Welten und gründete Initiativen, Vereine und Projekte. Wenn heute Schülerinnen und Schüler aus randständigen Lebensstilgruppen Hilfe bei rechtlichen Fragen, Begleitung zu Ämtern, und Ermutigung zu Kulturerlebnissen benötigen, blickt Hiller auf jahrzehntelange Erfahrung in der Organisation von Paten, Lernhilfen, Beiständen und sogar Krediten zurück.
In einem Vortrag im Rahmen der VDS-Tagung 2018 in Würzburg berichtet Gotthilf Hiller autobiographisch von seiner eigenen „Erweckungsgeschichte“: „Nur von exzellenten Praktikern lässt sich lernen, wie man mit jenen Antinomien und Ambivalenzen umgeht, die in großer Zahl das pädagogische Feld konstituieren: Inkludieren und selektieren, beschützen und herausfordern, Elite produzieren und Benachteiligte fördern, führen und wachsen lassen, definieren und interpretieren, nachsichtig sein und hart bleiben, Distanz markieren und Nähe zulassen, Freiarbeit inszenieren und unerbittlich fremdbestimmt hart trainieren. Erfahrene pädagogische Praktiker wissen, dass man solche Antinomien nicht wirklich auflösen kann. Man kann sie – wie gesagt – nur klug behandeln.
Den schulisch Erfolglosen wirkliche Chancen zuzuspielen, das schaffen Lehrerinnen und Lehrer alleine auf gar keinen Fall. Dazu braucht es ganz sicher auch Schulsozialpädagogen. Unabdingbar ist außerdem, dass sich solche Überzeugungstäterinnen und -täter klug vernetzen mit Psychotherapeuten, Pfarrern, Imamen, Gewerkschaftern, Vereinsvorständen, Rechtsanwälten, Ärzten und Unternehmern im Umfeld, kurz gesagt, mit klugen Köpfen, mit denen man Kriegsrat halten, Dinge klären und Türen öffnen kann. Und schließlich sind solche Chancenstifter in den Schulen angewiesen auf eine Gruppe von Ehrenamtlichen, die sich als Patinnen und Mentoren um fragile Schützlinge kümmern, vor allem auch über das Ende von Schulzeit und Jugendhilfe hinaus. Denn Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Milieus und armen Verhältnissen brauchen schon früh, spätestens ab der Grundschule und danach über alle Bildungs- und Ausbildungswege hinweg, kompetente Komplizen. Damit sind neugierige und bescheidene Erwachsene gemeint, die bereit sind, für längere Zeit sich verlässlich der jungen Menschen anzunehmen und für sie einzutreten; Erwachsene, mit denen sie sozial verträgliche Ziele aushandeln und sie sodann gemeinsam konsequent verfolgen können; Erwachsene, die dabei selbst einen Lernprozess durchlaufen, der beide verändert. Ich werde deshalb nicht müde, dafür zu werben, dass Schulen sich für sozial- und bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche zu Partnervermittlungsinstituten der etwas anderen Art weiterentwickeln. Wie kommt man auf so eine Idee? In den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts wurde ich als 20-Jähriger selbst zum ersten Mal in ein solches Programm eingebunden. Wer damals in Baden-Württemberg Volksschullehrer werden wollte, hatte in den Semesterferien u.a. ein vierwöchiges Sozialpraktikum zu absolvieren. Ich kam in eine stationäre Jungengruppe im Heim, das einer Schule für Verhaltensgestörte angegliedert war, so hießen diese Schulen damals. Nach zwei Wochen fing mich der Schulleiter auf dem Weg zur Arbeit ab und meinte:
An unserer Schule haben wir es in der Übung, dass keiner der Schüler unsere Schule verlässt, ohne dass er einen Paten oder eine Patin hat. Ich habe mich über Sie erkundigt und Sie beobachtet, ich kann mir vorstellen, dass Sie für zwei unserer Schüler so ein Pate werden können.
Was erwarten wir von unseren Paten? Erstens: Eine Woche in den Sommerferien haben Sie Zeit für Ihre Jungen. Zum Geburtstag und zu Weihnachten schicken Sie jedem ein kleines Päckchen. Das ist das Mindestprogramm. Alles Weitere entscheiden Sie. Halten Sie die Augen offen und suchen Sie sich zwei aus. Dann kommen Sie spätestens in 10 Tagen zu mir und nennen mir die Namen. Ich schaue dann in die Akten, ob das passt.
Ich habe mich damals dieser eindeutigen Aufforderung nicht entzogen. Heute ist Rolf, der eine der beiden, 63 Jahre alt, und wir haben noch immer Kontakt. Martin, der andere, kam schon als 19-Jähriger bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Kontakte über soziale Milieus hinweg ergeben sich nicht von selbst, das muss man inszenieren.“
Soweit Hillers Bekenntnis. Er gründete vor über 10 Jahre das Projekt „Führerschein für junge Arme“, in dem über 80 Führerscheine durch zweckgebundene Kredite ermöglicht wurden und das auf diese Weise für viele junge Menschen den einzigen Weg zur Fahrerlaubnis darstellte. Die Rückzahlung erfolgt jeweils in monatlichen Raten von 25,-, 50,- oder 100,- Euro. Im „Team Hiller“ finden seit 2012 rund 60 Männer mit Wurzeln in 15 unterschiedlichen Staaten ein stabiles Netzwerk. Im Sommerhalbjahr wird ab sieben Uhr morgens im Freibad geschwommen. Von Mai bis September 2025 schwammen auf diese Weise 51 Teilnehmer fast 500 sponsorengeförderte Kilometer und in den verbliebenen Wintermonaten trainieren die Männer für die insgesamt sieben Langstrecken-Wettkämpfe, an denen im vergangenen Jahr 54 Mitglieder teilnahmen. Nach Schwimmeinheit oder Lauf-Training wird jeweils gemeinsam gefrühstückt und werden Erfahrungen und Bedarfe ausgetauscht.

Läufer von „Team Hiller“ bei einem Wettkampf
Diese „großen Zahlen“ stellen allerdings nur den sichtbaren Rahmen einer Unzahl viel bedeutenderer Geschichten dar, die sich oft im stillen und eher unauffälligen – dafür häufig mühsamen – Alltag abspielen. Dort nehmen sich junge Erwachsene Zeit, mit schwachen Schülern für deren Schularbeiten und Abschlussprüfungen zu lernen. Dort setzen sich Rentner für Auszubildende mit Migrationshintergrund auf Ämtern für deren Rechte ein. Dort knüpfen Berufstätige hilfreiche Kontakte für soziale Schwächere, die keine derartigen Ressourcen haben. Wenn Soziale Benachteiligung bekämpft werden soll, ist auf allen Ebenen des alltäglichen Lebens ehrenamtliches Engagement derer notwendig, die Glück im Leben hatten oder privilegiert sind. Gotthilf Hiller war immer Unterstützer, Helfer und Fürsprecher und hat gezeigt, dass benachteiligte Menschen aktive und motivierte Mitglieder unserer Gesellschaft brauchen, damit sie nicht in der Verwaltungsbürokratie, im Optimierungswahn und in der Lernfabrik Schule verloren gehen. Der Preisträger hat Zeit seines Lebens mehr getan, als nur seinen Job als Pädagoge erledigt – und kann für uns Ermutigung und Ansporn sein.
Veröffentlichungen in Auswahl
Hiller, G.G. (2019): Soziale Benachteiligung und Schulerfolg. Anregungen zum kritischen Umgang mit einem folgenlosen Narrativ, In: Sonderpädagogische Förderung heute 64, 2, 146 – 162.
Hiller, G.G. (2019): Wie berufliche Schulen junge Geflüchtete abwerten. In: Behinderte Menschen 4/5, 4-5.
Hiller, G.G. (2019): Unterrichtsziel: Misserfolg. Rasin in der „Höllenmaschine“. In: Lehren & Lernen 45, 2, 23-29.
Hiller, G.G. (1973): Konstruktive Didaktik. Düsseldorf.
Baur, W. / Mack, W. /Schroeder, J. (2004): Bildung von unten denken: Aufwachsen in erschwerten Lebenssituationen – Provokationen für die Pädagogik. 2. Auflage. Bad Heilbrunn.
Prof. Dr. Stephan Ellinger
Lehrstuhl für Pädagogik bei Lernbeeinträchtigungen
Universität Würzburg
stephan.ellinger@uni-wuerzburg.de
