Veranstaltungen im WiSe 2025/26
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Interkulturelle Kompetenz in der Sonderpädagogik“ (IKiS) war am 13.11.2025 Dr. Philipp Annen von der Universität Trier für einen Vortrag mit dem Titel „Wenn Erwachsenwerden auf der Straße beginnt - Junge Wohnungslose in Deutschland“ zu Gast. Er brachte eine Kombination aus eigenen Erfahrungen aus seiner praktischen Arbeit in der Wohnungslosenhilfe und empirischen Daten aus seiner Forschung mit, die den Vortrag sehr anschaulich gestaltete.
Philipp Annen stellte sich den Studierenden zunächst vor und beschrieb dabei seine eigene biografische Entwicklung in diesem Themenkontext. Nachdem er in einem eher behüteten Umfeld aufgewachsen war, kam er in seinem Zivildienst zum ersten Mal näher mit wohnungslosen Menschen und anderen Lebensrealitäten in Berührung. Diese Arbeit gefiel ihm, sodass er schließlich seinen Berufswunsch danach ausrichtete und später darüber in der Sozialpädagogik promovierte.
Seinen eigentlichen Vortrag begann er mit einigen empirischen Daten, wobei er die Teilnehmenden mit einbezog, indem er sie beispielsweise schätzen ließ, seit wann es eine offizielle Wohnungslosenberichterstattung in Deutschland gibt oder wie hoch die Anzahl wohnungsloser Menschen in Deutschland ist. Er zeigte hierbei auch aktuelle Trends auf; so gibt es beispielsweise zunehmend wohnungslose Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft und wohnungslose Frauen. Allgemein steigt die Zahl wohnungsloser Personen kontinuierlich an, ein besonders starker Anstieg ist bei jungen Menschen zu beobachten.
Anschließend zeigte er die unterschiedlichen Formen von Wohnungslosigkeit auf und erläuterte damit, dass Wohnungslosigkeit nicht automatisch bedeutet „auf der Straße“ zu leben. So ist beispielsweise das temporäre Übernachten bei anderen, wechselnden Personen eine vor allem bei Jugendlichen häufig verbreitete Form der Wohnungslosigkeit, mit der vermieden wird, aufzufallen und in Obhut zu kommen.
Er erläuterte auch die Komplexität der Lebenslagen wohnungsloser Menschen, die häufiger mit einer Multimorbidität, Armuts-, Drogen-, und Gewalterfahrungen sowie einem sukzessiven Ausschluss aus dem Hilfesystem einhergehen. Die Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe fungieren dabei als eine Art Auffangbecken für diese besonders belastete Personengruppe, verfügt jedoch über geringe Ressourcen.
Aus von ihm geführten Interviews mit jungen Wohnungslosen berichtete Philipp Annen außerdem, dass die Arbeitsbeziehungen der Befragten zu helfenden Professionellen meist von Vertrauensverlusten geprägt sind. Häufig fühlten sie sich in wichtigen Entscheidungen allein gelassen, in Einrichtungen der Jugendhilfe jedoch auch bevormundet.
Es blieb abschließend noch Raum für interessierte Nachfragen der Teilnehmenden; diese interessierten sich unter anderem für Möglichkeiten, gegen Wohnungslosigkeit vorzugehen, Bildungsgerechtigkeit und das Verlassen der Jugendhilfe. Dr. Philipp Annen schaffte eine offene und zugleich sehr aufmerksame Atmosphäre und ermöglichte den Teilnehmenden einen tieferen Einblick in die verschiedenen Lebenswelten von jungen wohnungslosen Menschen.
Hintergrund des Referierenden:
Dr. Philipp Annen arbeitet seit 2015 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Trier und hat 2020 mit "Agency auf der Straße", einer biografietheoretischen Studie zu jungen Menschen und ihren Wegen in die Wohnungslosigkeit promoviert. Des Weiteren arbeitet er seit 2008 in verschiedenen Funktionen in der stationären Wohnungslosenhilfe und ist seit 2020 als ehrenamtlicher Streetworker beim "Kältebus Trier" aktiv.
Wir bedanken uns sehr herzlich bei Dr. Philipp Annen für den sehr anschaulichen und informativen Vortrag, bei den Studierenden für ihre aufmerksame Teilnahme, Mitarbeit und ihr Interesse an der Themenstellung, beim GSiK-Team samt studentischen Hilfskräften für die finanzielle und organisatorische Hilfe sowie bei unserem Lehrstuhlinhaber Herrn Univ.-Prof. Dr. Roland Stein für die Unterstützung.
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Interkulturelle Kompetenz in der Sonderpädagogik“ (IKiS) fand am 04.12.2025 ein Vortrag des Gefängniskritikers Dr. Thomas Galli statt.
Zu Beginn fasste Herr Galli kurz die Geschichte von gesellschaftlicher Strafe zusammen, um den Zuhörenden die Entstehung der heutigen Gefängnisse zu erklären. Anschließend ging er auf die derzeit 172 bestehenden Justizvollzugsanstalten in Deutschland und die dort Gefangenen ein. Der Großteil der Inhaftierten sei wegen Betäubungsmitteldelikten und Eigentumsdelikten verurteilt und die Hälfte der Haftstrafen umfasse höchstens ein Jahr.
Dem ursprünglichen Sinn (Vergeltung, Abschreckung, Sicherung der Allgemeinheit und Resozialisierung) kämen die Gefängnisse derzeit kaum nach, dies zeige sich an der konstant hohen Zahl der Inhaftierungen. Soziologische Ursprünge für Kriminalität (z.B. Biologisch-genetische, psychologische oder soziale Risikofaktoren) können durch die Existenz von Gefängnissen nicht überlagert werden. Insbesondere von Armut betroffene Personen seien häufiger inhaftiert und erleben einen sich verstärkenden Kreislauf aus Haft und Armut.
Der Strafvollzug biete den Inhaftierten nicht nur Chancen, beispielsweise in Form von Bildung und Therapie, sondern habe insbesondere negative Folgen: Desozialisierung und Demütigung der Inhaftierten, Entstehung einer Subkultur, Förderung der Oppositionshaltung und eine irreführende Symbolik. Dies habe Galli sowohl in seiner Tätigkeit als Gefängnisdirektor als auch als Anwalt beobachtet.
Diese Überlegungen führen Dr. Thomas Galli zu der Erkenntnis, dass Strafe keine Kompensation für fehlende Prävention sein sollte, Bagatelldelikte weniger bestraft und grundsätzlich die Strafe in Form von Gefängnissen überdacht werden sollte. Stattdessen befürwortet Galli eine stärkere Einbeziehung der Opfer von Straftaten, gemeinnützige Arbeit als Hauptstrafe und ambulante therapeutische Maßnahmen. Freiheitsbeschränkungen sollten in einem dezentralen Kontext stattfinden und geschlossene Unterbringung nur für hochgefährliche Menschen erfolgen.
Dafür präsentierte Galli seine Idee eines Resozialisierungsgremiums, heterogen zusammengesetzt aus verschiedenen Expert*innen und Laien, damit diese im gesellschaftlichen Interesse, aber auch im Interesse des Opfers und dessen Umfeld eine Entscheidung fällen können, wie der Täter die begangene Straftat begleichen kann.
Diese vorgeschlagenen Maßnahmen würden dazu führen, dass Straftäter ihre (positive) soziale Einbindung nicht verlieren, ihre Schuld tatsächlich begleichen können und eine positive Zukunftsperspektive entwickeln können. Dass dies noch nicht umgesetzt wird, begründete Dr. Thomas Galli in der abschließenden Fragerunde insbesondere mit fehlendem Einsatz der Politik: Eine Abschaffung von Gefängnissen befürworten in der Regel nur die Oppositionsparteien, da das Thema Strafe und Gefängnis mit starken Emotionen besetzt sei.
Nach seinem interessanten Vortrag stand Dr. Thomas Galli den Zuhörenden für weitere Fragen zur Verfügung.
Hintergrund der Referierenden:
Dr. Thomas Galli (Jahrgang 1973) hat Rechtswissenschaften, Kriminologie und Psychologie studiert. Zunächst war er über 15 Jahre lang in verschiedenen Justizvollzugsanstalten tätig, auch als Gefängnisdirektor, und beendete 2016 diese Tätigkeiten. Seitdem arbeitet er als Rechtsanwalt im Strafrecht und als Autor. Seine kritische Haltung gegenüber dem Gefängnissystem hat er in zahlreichen Publikationen erläutert.
Wir bedanken uns sehr herzlich bei Dr. Thomas Galli für den sehr lehrreichen und informativen Vortrag, bei den Studierenden für ihre Teilnahme, Mitarbeit und ihr Interesse an der Themenstellung, beim GSiK-Team samt studentischen Hilfskräften für die finanzielle und organisatorische Hilfe sowie bei unserem Lehrstuhlinhaber Herrn Univ.-Prof. Dr. Roland Stein für die Unterstützung.
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Interkulturelle Kompetenz in der Sonderpädagogik“ (IKiS) fand am 17.12.2025 ein inklusiver Workshop der Schauspielenden Jan Kampmann und Johanna Polley statt.
Zu Beginn stellten sich die Referierenden kurz vor und führten die Perspektive ein, aus der sie den Workshop gestalten. Beide sind in der Medienbranche ausgebildete und tätige Personen, die aufgrund ihrer individuellen Erfahrungen von Barrieren und Vorurteilen in der Medienbranche, insbesondere der Schauspielbranche, berichten können.
Der Workshop begann mit einem theoretischen Input zu Behinderung und Ableismus. Anschließend führten Jan Kampmann und Johanna Polley verschiedene Dimensionen zu Behinderung im Medium Film ein. Diese stellten sie nacheinander vor und führten eigene Erfahrungen als Beispiele an. Dabei entwickelte sich ein sehr interaktiver Austausch mit den Teilnehmenden, die eigene Beobachtungen und Gedanken einbringen konnten. Insbesondere der Austausch über die Einschätzung verschiedener Filme und Charaktere mit Behinderungen regte zum Nachdenken an.
So wurde beispielsweise die Darstellung von Superhelden mit Behinderungen von einigen Personen als stigmatisierend beschrieben („der Mensch mit Behinderung bekommt immer eine Superkraft, damit er existieren kann und anderen Menschen einen Mehrwert bietet“), während andere Personen dies als positives Vorbild für Kinder mit Behinderungen wahrgenommen haben („Kinder mit Behinderungen sehen, dass auch Superhelden die gleiche Behinderung haben und nehmen diese als positive Vorbilder wahr“).
Jan Kampmann und Johanna Polley beendeten den Workshop mit Ausschnitten von zwei Filmen, die sie als überwiegend positiv empfunden haben. In diesen Filmen wurden Rollen mit Behinderungen durch Schauspielende mit Behinderungen gespielt, sodass die Darstellung als realistisch eingeschätzt wurde.
Es folgte eine abschließende Frage- und Diskussionsrunde, die das große thematische Interesse der Zuhörenden widerspiegelte. Besonders interessiert zeigten sich die Zuhörenden an Ideen und Vorschlägen, wie die Filmbranche barriereärmer und inklusiver werden kann. So könnte beispielsweise ein kurzer Informationszettel von Schauspielenden ausgefüllt werden, in dem sie vermerken, was sie benötigen, um an der Produktion mitzuwirken. Des Weiteren wäre eine hilfreiche Maßnahme, dass Schauspielschulen inklusiver arbeiten, damit Personen mit Behinderung Schauspiel studieren und dann als qualifizierte Schauspielende tätig sein können.
Hintergrund der Referierenden:
Johanna Polley (sie/ihr) wurde 1992 in Berlin geboren und hat Schauspiel an der Filmuniversität Babelsberg „Konrad Wolf“ studiert. Seitdem arbeitet sie als Schauspielerin. In Filmen und Serien, wie (TW: rassistische Begriffe) „Es war einmal Indianerland“, „Sam - ein Sachse" oder „Die geschützten Männer“ war sie zu sehen. Sie liebt es, für ihren Beruf zu reisen, körperlich und metaphorisch.
Zunehmend begann sie, sich autodidaktisch mit Anti-Diskriminierung zu beschäftigen und ist darüber zu Pro Quote Film gekommen, wo sie von 2022 bis 2024 im Vorstand war. Auch bei Vielfalt im Film e.V. ist sie Gründungsmitglied und Beisitzerin. Durch das Netzwerk Inklusion bei Pro Quote Film und ihr Mitwirken im Rollenfang Labor, einer Schreibwerkstatt für inklusive Drehbuchstoffe mit entstandenem eigenem Kurzfilm, konnte sie sich immer mehr mit anderen Filmschaffenden über Inklusionsthemen austauschen. Die Vernetzung über die Vereinsarbeit und auch hier die Reisen in andere oder selbst erlebte Perspektiven bereichern sie extrem. Beruflich bildet sie sich auch im Schreiben, Coaching/Lehre, Regie und Moderieren weiter und sucht immer wieder neue Herausforderungen.
Jan Kampmann studierte Fachjournalismus an der JLU Gießen und machte seinen Master in International Journalism an der Birmingham City University. Im Rahmen seines MA-Projekts beschäftigte er sich mit der Berichterstattung über paralympischen Sport im Rahmen der Paralympics 2012 in London und berichtete auch selbst von dort für das ZDF – im Jahr darauf wurde seine Arbeit mit dem Paralympic Media Award gewürdigt. Seit 2013 arbeitet Jan für die ARD – aktuell bei der Tagesschau in Hamburg – als Reporter und Redakteur mit besonderem Auge auf Diversity-Themen. Er hat Erfahrung als Print-, Hörfunk-, Online- und TV-Journalist. Durch seine Zweitlaufbahn als Schauspieler kennt Jan außerdem die Theaterbühne, das Filmset und die Drehbuch- und Formatentwicklung aus nächster Nähe und hat mehrere Formate im Fiction- und Non-Fiction-Bereich mitentwickelt und betreut. Jan ist Mitglied des Netzwerks Inklusion bei Pro Quote Film e.V. und Inklusionsbotschafter für Filmmakers.
Wir bedanken uns sehr herzlich bei Jan Kampmann und Johanna Polley für den sehr lehrreichen und informativen Workshop, bei den Studierenden für ihre Teilnahme, Mitarbeit und ihr Interesse an der Themenstellung, beim GSiK-Team samt studentischen Hilfskräften für die finanzielle und organisatorische Hilfe sowie bei unserem Lehrstuhlinhaber Herrn Univ.-Prof. Dr. Roland Stein für die Unterstützung.
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Interkulturelle Kompetenz in der Sonderpädagogik“ (IKiS) fand am 21.01.2026 ein Vortrag von Andre Spiegel statt.
Herr Spiegel begann mit einer Statistik zu geflüchteten Menschen, die nach Deutschland kommen. Diese verdeutlichte die Größe der Personengruppe, über die er im folgenden Vortrag sprach.
Er stellte den Asylprozess in Deutschland vor und erläuterte die damit zusammenhängenden verschiedenen Lebenssituationen, in denen sich geflüchtete Menschen in Deutschland befinden können. Anschließend stellte er die möglichen Unterkünfte für geflüchtete Menschen in Würzburg vor und verdeutlichte an diesen, wie die Lebenssituation auch von der zugeteilten Unterkunft abhängt. So gibt es in Würzburg beispielsweise eine Unterkunft, in der die Menschen eine eigene Küche und Bad in ihrer Wohneinheit zur Verfügung haben, während in den anderen Unterkünften nur Gemeinschaftsküchen und -bäder zur Verfügung stehen.
Anschließend bezog sich Herr Spiegel auf die medizinische Versorgung, die sich ebenfalls stark zwischen den Unterkünften unterscheidet. In einigen Unterkünften wird das Projekt Migrantenmedizin (Klinikum Würzburg) durchgeführt, dessen Leiter Andre Spiegel ist. Dieses Projekt stellt eine medizinische Versorgung der geflüchteten Menschen in den Unterkünften sicher, um eine angemessene Versorgung zu ermöglichen.
Die Notwendigkeit dieses Projekts verdeutlicht sich bei einem Blick auf die medizinische Versorgung von geflüchteten Menschen: Im Sozial- bzw. Gesundheitsamt müssen die geflüchteten Menschen im Krankheitsfall einen anlassbezogenen Behandlungsschein abholen, der die Notwendigkeit einer medizinischen Akutversorgung belegt. Mit diese können sie dann eine*n Allgemeinmediziner*in aufsuchen, um eine Behandlung zu erhalten. Präventive Maßnahmen und Besuche in einer Facharztpraxis werden mit diesem System nahezu unmöglich, zudem wird durch den bürokratischen Aufwand die Behandlung häufig deutlich verzögert.
Das Projekt der Migrantenmedizin ermöglicht hingegen eine zeitnahe und bürokratiearme Versorgung in den Unterkünften, sodass die medizinische Versorgung deutlich verbessert wird. Herr Spiegel verdeutlichte dies durch verschiedene eindrucksvolle Beispiele, die er in seiner beruflichen Praxis erlebt hat.
Er schloss den Vortrag mit einem positiven Blick in die Zukunft, welche Maßnahmen und Veränderungen die medizinische Versorgung von geflüchteten Menschen weiter verbessern könnten.
Hintergrund der Referierenden:
Andre Spiegel ist seit 2015 Projektleiter der Migrantenmedizin am Klinikum Würzburg und hat seitdem umfassende Erfahrungen in der Beratung, medizinischen und psychosozialen Versorgung von geflüchteten Menschen gemacht. In seinem Vortrag gibt er Einblicke in seine Praxiserfahrungen. Er schildert, welche Herausforderungen er erlebt, aber auch welche Ressourcen und Potentiale ihm in seiner Arbeit begegnen.
Wir bedanken uns sehr herzlich bei Andre Spiegel für den sehr lehrreichen und informativen Vortrag, bei den Studierenden für ihre Teilnahme, Mitarbeit und ihr Interesse an der Themenstellung, beim GSiK-Team samt studentischen Hilfskräften für die finanzielle und organisatorische Hilfe sowie bei unserem Lehrstuhlinhaber Herrn Univ.-Prof. Dr. Roland Stein für die Unterstützung.