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    Pädagogik bei Verhaltensstörungen

    BIOGRAPH

    Bildungs- und Erwerbsbiografien im Kontext psychischer Belastungen

    Teilhabe, Barrieren, Prävention

    Menschen mit psychischen Belastungen sind in ihrer gesamten Lebensspanne mit spezifischen Einschränkungen und Herausforderungen konfrontiert. Psychische Belastungen kennzeichnen als weit gefasster Terminus Auffälligkeiten im Verhalten und Erleben, welche von den Betroffenen und/oder von ihrer Umwelt als solche wahrgenommen werden (vgl. Kranert 2020). In jedem Fall führen diese zu Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten. In einer primär pädagogischen Betrachtungsweise werden hier psychische Belastungen als Ausdruck einer Störung der Interaktion zwischen dem Subjekt und seiner jeweiligen Lebenssituation verstanden (vgl. Stein 2019). Diese interaktionistische Zugangsweise eröffnet auf der Handlungsebene einen mehrperspektivischen Zugang. Unter qualitativen Gesichtspunkten spielen hierbei sowohl externalisierende als auch – und vor allem – internalisierende Belastungsformen eine Rolle, ebenso wie delinquentes und nicht altersentsprechendes Verhalten (vgl. Myschker & Stein 2018, 63). Hinsichtlich der quantitativen Dimension von psychischen Belastungen sind allenfalls Annäherungen möglich; je nach zugrunde gelegter diagnostischer Kategorisierung wie dem Sonderpädagogischen Förderbedarf, Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung (KMK 2000; 2011), dem subjektiven Belastungserleben (Klipker et al. 2018) oder der psychischen Störung als psychiatrischem Konzept (Falkai & Wittchen 2015; Richter et al. 2008). Grundsätzlich weisen psychische Belastungen hohe Prävalenzraten in der Bevölkerung auf.

    Zur Prävention von psychischen Belastungen über die Altersspannen hinweg ist ein Verstehen der individuellen Genese sowie auch des dynamischen Fortentwicklungsprozesses in Interaktion mit der sozialen Umwelt von zentraler Bedeutung – ebenso wie der Nachvollzug der Wahrnehmung durch Dritte und entsprechender personaler und institutioneller Reaktionsmechanismen hierauf.

    Als Daten-  und Erkenntnisquelle hierfür können die Biografien von Menschen mit psychischen Belastungen herangezogen werden; individuelle Lebens-, Bildungs- und auch Erwerbsbiografien rücken so in den Fokus. Im Gegensatz zu vorliegenden punktuellen Untersuchungen, beispielsweise zu biografisch relevanten Übergängen (vgl. etwa Sabatella & von Wyl 2018; Stein, Kranert & Hascher 2020), wird im vorliegenden Forschungsansatz eine übergreifende längsschnittliche Ausrichtung angestrebt. Dabei können biografische Verläufe als „Sequenz von Zuständen und Übergängen verstanden“ (Becker 2020, 65) werden. „Im Zentrum stehen damit nicht einzelne, isolierte Lebensereignisse, sondern der Verlauf des Lebens als Abfolge von sozialen Positionen und Rollen bzw. Statuskonfigurationen […]. Positions- und Statuswechsel, also Übergänge, spielen hierbei eine zentrale Rolle“ (Becker 2020, 63; Hervor. i. Original). Übergänge bilden daher wichtige „Eckpunkte“ und Marker für das Entstehen, Sichtbar-Werden, die Weiterentwicklung und Auswirkungen von psychischen Belastungen, Störungen und Erkrankungen, gerade aus einer präventiven Blickrichtung. Für diese Perspektive bildet die biografische Lebensverlaufsforschung (vgl. etwa Wingens 2020) einen wichtigen Bezugspunkt.

    In verschiedenen wissenschaftlichen Teildisziplinen liegen zahlreiche Longitudinalstudien vor, welche jeweils einzelne Lebensphasen oder Übergänge für alle Personen oder für bestimmte Teilgruppen darstellen und analysieren (vgl. für den Übergang Schule-Beruf der Gesamtgruppe etwa Eberhard et al 2014, für die Teilgruppe gering Gebildeter Baas & Philipps 2019). Psychische Belastungen werden in diesen biografisch orientierten Studien nach einer ersten Sichtung des Forschungsstandes insgesamt eher randständig oder allenfalls punktuell adressiert (vgl. Stein, Hascher & Kranert i.V.), die Forschungslücke ist evident.

    Das Forschungskonzept widmet sich diesem umfassenden Vorhaben in einer Reihe von miteinander verbundenen Teilstudien. Hierzu werden Lebensverläufe bei psychischen Belastungen in Form von statistischen Sekundärauswertungen vorliegender Datensätze sowie ergänzenden eigenen Erhebungen analysiert, um gerade aus präventiver Perspektive in der Folge Schlussfolgerungen für das Entstehen und den Verlauf bestimmter Belastungskonstellationen zu ziehen (vgl. Abb. 1).

    Handlungsleitende Forschungsfragen sind dabei folgende:

    1. Welche Bildungs- und Erwerbsbiografien von Menschen mit psychischen Belastungen lassen sich nachzeichnen?
    2. Welche Interaktionsmuster zwischen psychischen Belastungen und dem Bildungssystem mit den darin implementierten institutionellen Übergängen lassen sich identifizieren? Welche lebensphasen- bzw. schwellenabhängige Spezifika zeigen sich in den Interaktionsmustern?
    3. Welche potenziellen Bildungsbarrieren ergeben sich innerhalb der sowie aus den spezifischen Interaktionsmustern zwischen psychischer Belastung und Bildungssystem? Welche Bewältigungsprozesse kommen hierbei zum Tragen?
    4. Welche präventiven Settings (Primärprävention) tragen dazu bei, Barrieren zu vermeiden bzw. zu reduzieren? Welche sekundär- bzw. tertiärspezifischen Angebote unterstützen dabei, vorzufindende Barrieren im Sinne „gelingender“ Bildungs­- und Erwerbsbio­gra­fien zu bewältigen?


    Einzelne Teilstudien werden in Kooperation mit der Medizin (Univ.-Prof. Dr. med. Marcel Romanos, Klinikdirektor Kinder- und Jugendpsychiatrie Universitätsklinikum Würzburg ) sowie mit den Wirtschaftswissenschaften (Univ.-Prof. Dr. Thomas Zwick, Lehrstuhl für BWL, Personal und Organisation Julius-Maximilians-Universität Würzburg) durchgeführt. Auch das Deutsche Zentrum für Präventionsforschung und Psychische Gesundheit an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg ist mit eingebunden.

    Laufzeit
    seit 01/2021

    Förderinstitution
      Bereichs-Logo HDC Human Dynamics Center
    Human Dynamics Center der Fakultät für Humanwissenschaften (Anschubfinanzierung)

    Das Forschungsteam
    Univ.-Prof. Dr. phil. habil. Roland Stein
    Hans-Walter Kranert, Akad. Oberrat
    Philipp Hascher, wissenschaftl. Mitarbeiter

    Kontakt
    Julius-Maximilians-Universität Würzburg
    Fakultät für Humanwissenschaften
    Institut für Sonderpädagogik
    Lehrstuhl für Sonderpädagogik V
    Wittelsbacherplatz 1
    97074 Würzburg
    Tel: +49 931 31 84835
    Fax: +49 931 31 80073
    E-Mail: roland.stein@uni-wuerzburg.de