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Lern- und Forschungsstelle des Instituts für Sonderpädagogik Digital

Digital Diary

Der Bildungserfolg im deutschen Schulsystem ist stark abhängig von dem sozialen Milieu der Kinder und Jugendlichen (Ellinger 2013). Chancenungleichheit entsteht dabei, da die Kinder und Jugendlichen „selbst häufig keine Anknüpfungspunkte für die Ideenwelt […] der bürgerlichen Schule haben“ (Ellinger & Kleinhenz 2022, 17). Zudem zeigen verschiedene Studien, dass Lehrkräfte einen milieuspezifischen Habitus pflegen, der die pädagogische Arbeit beeinflusst und somit den Kindern und Jugendlichen im Wege steht, welche dazu keinen Zugang finden (Rosenberg 2008; Twardella 2008). Dementsprechend sollte es eine zentrale Aufgabe der Institution Schule sein, der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen, also auch deren persönlichen Alltagserfahrungen und -problemen, mehr Raum zu gewähren. Hierfür bietet sich das digitale Tagebuchschreiben im schulischen Kontext an.

Neben gewinnbringenden Selbstzugängen und -erfahrungen für die Kinder und Jugendlichen soll durch das Tagebuch-Projekt ein Raum geschaffen werden, in dem das eigene Erleben und Empfinden abseits von Bewertungsnomen stattfinden kann. Darüber hinaus bietet das Projekt die Möglichkeit, die Lebenswelten zwischen den Kindern und Jugendlichen und der Lehrkraft besser zu verknüpfen und somit ein empathischeres und produktiveres Lernumfeld schaffen zu können. Ebenfalls muss der Vorteil der Anonymität des Tagebuchschreibens betont werden.

Wozu braucht es dabei das „Digital Diary“als digitale Variante? Unterschiedliche Wahrnehmungs- und Ausdrucksmodalitäten können durch das Tablet vereint werden. Somit kann ein kreativer Selbstausdruck in unterschiedlichen Formaten ermöglicht werden, die über einen „klassischen“ schriftsprachlichen Selbstausdruck hinausgehen und digitale Kompetenzen an die Hand geben. Das Produzieren eines Tagebuchs soll zudem eine Möglichkeit des individuellen Lernens darstellen, welche beliebig auf den privaten Lebensraum ausgeweitet werden kann.

Die folgenden Darstellungen dienen als Grundlage, welche den Tagebucheinsatz als Reflexionsinstrument in der pädagogischen Praxis rechtfertigen.

Thematische Begründung

Um soziale Benachteiligung innerhalb und außerhalb von Schule zu erklären, halten Ellinger und Kleinhenz (2022) die Thematisierung von Resonanzerleben für zentral. So ist es für eine soziale Teilhabe zentral, dass es einem Kind bzw. Jugendlichen gelingt, die eigene Handlungsfähigkeit in Wechselwirkung mit der Umwelt wahrzunehmen und sich dadurch gleichermaßen die Welt zu erschließen. Bereits im Kleinkindalter entsteht ein Resonanzerleben zwischen den Erfahrungen im Außen und dem Erleben und Handeln des Kindes. Somit variiert das Verständnis von Zusammenhängen entsprechend unterschiedlichen, subjektiven Erfahrungen, wie bspw. die Interaktionserfahrungen im Elternhaus, welche sich auf die Wahrnehmung des Kindes auswirken (Ellinger & Kleinhenz 2022, 12). Die sogenannte Milieusozialisation hat also Auswirkungen auf das individuelle Weltverständnis (ebd. 36 ff.).

Doch was bedeutet dies nun konkret für den institutionellen Bildungskontext?

Schulische Resonanzräume zeichnen sich häufig durch ein bürgerlich geprägtes Milieu aus, wodurch wiederum Divergenzen zu anderen Resonanzräumen, wie zum Beispiel derer von Familien, die diesem bürgerlichen, bildungsnahmen Milieu nicht entsprechen, entstehen ( ebd. 39). Durch diese Unterschiede fehlen oftmals das Feingefühl und das Verständnis zwischen der Lehrkraft und des Kindes bzw. Jugendlichen. Abwertendes Verhalten kann die Folge sein, oder aber ein gleichgültiges Verhältnis (ebd. 33). Neben den bisher genannten milieubedingten Erklärungsansätzen spricht Hechler (2018) einen weiteren Aspekt an, der schulische Problemlagen besser erklären soll. Nach ihm sind auftretende Störungen im Lernen und Verhalten oftmals als Beziehungsstörungen zu verstehen. Dieser Ansatz rückt davon ab, rein personenbezogene Faktoren in den Blick zu nehmen, sondern stattdessen einer interpersonellen Orientierung nachzugehen. Den Aspekt der Beziehungsbetrachtung lässt sich mit dem der Resonanz zusammenführen: Das wechselseitige Reagieren zwischen Subjekt und Welt bedeutet Beziehung herstellen und genau dies ist zentral, um die schulische Lebenswelt zu einem erfolgreichen Lernort für alle Kinder und Jugendliche zu machen (Ellinger & Kleinhenz, 2022; Hechler 2018).

Durch das Tagebuch-Projekt soll die Beziehungsarbeit, das wechselseitige Reagieren zwischen Subjekt und Welt, mehr Bedeutung beigemessen werden. Dadurch soll die Auseinandersetzung mit den individuellen Lebenslagen der Kinder und Jugendlichen zum Tragen kommen, welche bislang im Schulalltag zu wenig Beachtung findet. Denn das Tagebuch stellt einen Unterrichtsgegenstand dar, der sich ausschließlich der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen, dessen persönlichen Alltagserfahrungen und -problemen widmet. Zudem ergibt sich dadurch eine Möglichkeit, die Lebenswelten zwischen Kindern bzw. Jugendlichen und Lehrkraft besser zu verknüpfen, mit dem Ziel der verstehenden emotionalen Annäherung, um Resonanzräume sowie einen Beziehungsaufbau zu ermöglichen, was mittelfristig zu einem empathischeren und produktiveren Lernumfeld beitragen könnte. Dies kann nicht nur zu anderen Beziehungs- und Interaktionsmuster innerhalb des Klassenraums, sondern auch mit sich selbst führen. So bietet es die Möglichkeit für die Kinder und Jugendlichen, sich mit der eigenen Person in Verbindung und Auseinandersetzung zu bringen.

Exkurs: "Freedom Writers"

Das Projekt ,,Freedom Writers“ stammt aus dem amerikanischen Raum und hat sich zum Ziel gemacht, genau diesen beschriebenen Lebens- und Problemlagen der Schüler*innen zu begegnen. Toleranz und Verständnis sowie einen Raum für das individuelle Empfinden und Erleben durch das Schreiben zu schaffen, war die Idee des Projekts, welches durch die Lehrerin Erin Gruwell initiiert wurde (Knüfken, 2013, 15).

Die damals junge Lehrerin begann im Jahr 1994 an einer Schule in Long Beach zu unterrichten und kam in eine Klasse, welche als unbelehrbar galt. Erin Gruwell legte großen Wert darauf, jeder Geschichte Gehör zu schenken und baute somit eine positive Beziehung zu den Jugendlichen auf. Alle 150 Jugendlichen machten schließlich doch ihren Abschluss und Gruwell veröffentlichte ihre Geschichte und gründete schließlich die Organisation ,,Freedom Writers Foundation“. Darüber leitet sie heute weltweit Lehrkräfte an und gibt Workshops, diese Tagebuchmethode im eigenen Klassenraum anzuwenden (Freedom Writers Foundation 2020).

Projektphase

Projektschritte

Vorbereitungen/ Vorüberlegungen zum Projekt

  • Umfang: Wie viele Wochenstunden? / Welche Räumlichkeiten (z.B. Klassenraum, Schulhof, außerschulische Lernorte)? / Inwiefern ist das Projekt für meine Klasse geeignet?
  • Organisation von IPads/Tablets
  • Wie kann Anonymität gewahrt und gleichzeitig ein Austausch entstehen?

Einführung in das Projekt

  • Möglicherweise Hinführung durch Bezugnahme auf bekannte Projekte: freedom writers: freedomwritersfoundation.org & Das Wunder bleibt aus (Buch über deutsches Pendant von Jörg Knüfken, Careline Verlag 2013)  
  • Über die Tagebuchmethode sprechen und philosophieren
  • Fragestellung: „Warum schreibe ich Tagebuch?“

Rahmenbedingungen klären

  • Wann? 2h pro Woche über gesamtes Schuljahr
  • Wie? Am Ipad/ Tablet mit bspw. Folgenden Apps: GoodNotes (7,99€ einmalig), Tagebuch (kostenfrei)
  • Erstellen eines personalisierten Tagebucheinbandes und klären der Gestaltungsmöglichkeiten sowie Datenschutz
  • Erklärvideos zu einzelnen Funktionselementen sichern das Verständnis und ermglichen in der Folge eigenständiges Arbeiten

Erarbeitungsphase

  • Eigenverantwortliches Arbeiten der SuS mit Schreibimpulsen der Lehrkraft (Bsp. im Anhang)
  • Anregungen der SuS mit in die weitere Planung einbeziehen
  • Austausch über Einträge anbieten

Zielsetzungen

  • Medienkompetenz
  • Unterstützung der emotionalen Entwicklung durch das Entstehen von Selbstzugängen sowie Förderung der sozialen und emotionalen Entwicklung durch den möglichen Austausch über das Tagebuchschreiben mit den Mitschüler*innen
  • Unterstützung von Selbst- und Fremdausdruck innerhalb eines bewertungsfreien Raumes (in Bezug auf Notengebung)

  • Erweiterungsmöglichkeiten: Screenreader, Lupenfunktion, VoiceOver-Funktion, Explainites in Form von Screencasts oder Audiodateien (für SuS mit Hör- oder Sehbeeinträchtigung).
  • Potential für Kinder und Jugendliche, die Schwierigkeiten im Schriftspracherwerb aufweisen: Neben der reinen Textproduktion können Sprachnachrichten aufgenommen werden, um das klassische schriftsprachliche Erzählen durch auditive Zugänge zu ersetzen (chat-ähnliche Ausdrucksform wie Sprachnachrichten ist der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen meist näher als die des schriftsprachlichen Tagebuchausdrucks).
  • Gestaltungsfreiraum: Kinder und Jugendliche schaffen selbstgesteuert Gestaltungsspielräume (graphische Elemente, Videodokumentation etc.).
  • graphischen Ausdrucksmöglichkeiten können unterstützend wirken, um sich emotional mitzuteilen (gestützte Kommunikation durch Emojis, Bilder oder Illustrationen).
  • visuelle Informationen zur Unterstützung der schriftsprachlichen Informationen können ebenfalls unterstützend wirken.

Um das Verhalten der eigenen Schüler*innen besser zu verstehen, sollte dem individuelle Erleben in jedem Fall auch im Unterrichtssetting Aufmerksamkeit gewidmet werden. Hierbei haben wir im Laufe dieser Ausarbeitung beschrieben, dass das Tagebuchgestalten im Unterricht eine Möglichkeit ist, um die Entwicklungsbedingungen der Kinder und Jugendlichen besser zu erfassen. Mehr Verständnis für die Interaktionsmuster innerhalb des Klassenraums kann die Folge dieses Austauschs sein. Das Tagebuchprojekt kann ebenfalls förderlich sein, da Verständnis und Lebensweltbezüge hergestellt werden und nicht die Ideenwelt der Lehrkraft, sondern in erster Linie, die der Kinder und Jugendlichen im Fokus steht. Das Tagebuch als eine digitale Gestaltungsmethode einzuführen und zu verwenden ist darüber hinaus als sinnvoll zu betrachten, da Medienkompetenz vermehrt die Voraussetzung zur Teilhabe an gesellschaftlichen Diskursen und Prozessen ist. Mediale Gestaltungsmöglichkeiten zu kennen und kreativ einzusetzen ist dabei eine Kompetenz, die nicht nur Gegenwarts- sondern auch Zukunftsrelevanz hat.

Schließlich konnten wir noch herausarbeiten, dass die digitale Herangehensweise gerade für die Sonderpädagogik geeignet ist, da sie viele Differenzierungsmöglichkeiten bietet und den heutigen medialen digitalen Zugängen der Kinder und Jugendlichen Rechnung tragen kann.

 

 

Blume, Bob (2022). Deutschunterricht digital. Vom didaktischen Rahmen zur praktischen Umsetzung. (1.Auflage) Beltz Verlag.

 

Ellinger, S. (2013): Einführung in die Pädagogik bei Lernbeeinträchtigungen. In: Einhellinger, C./Ellinger, S./Hechler, O./Köhler, A./Ullmann, E. (Hg.): Studienbuch Lernbeeinträchtigungen. Band 1: Grundlagen. Oberhausen, 17-99.

 

Ellinger, Stephan; Kleinhenz, Lukas (2022): Soziale Benachteiligung und Resonanzerleben: Entfremdungsprozesse in der Schule. Stuttgart, Kohlhammer Verlag.

 

Freedom Writers Foundation (2020): In: https://freedomwritersfoundation.org/ [02.07,2023]

Hechler, O. (2018): Feinfühlig Unterrichten. Lehrerpersönlichkeit – Beziehungsgestaltung – Lernerfolg. Stuttgart.

Knüfken, Jörg (2013): Das Wunder bleibt aus: Tagebuch über ein erfolgreiches Hauptschulprojekt. Stamsried, Careline Verlag.

Rosenberg, F. v. (2008): Habitus und Distinktion in Peergroups. Ein Beispiel zur rekonstruktiven Schul- und Jugendkulturforschung. Berlin.

Nachname, Vorname (Jahr): Titel des Artikels. ggf. Untertitel. Name der Website. Abrufdatum, URL. Zuletzt aufgerufen: 23.11.2021

Twardella, J. (2008): Pädagogischer Pessimismus. Eine Fallstudie zu einem Syndrom der Unterrichtskultur an deutschen Schulen. Frankfurt. a. M.