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Deutsch Intern
    Lehrstuhl für Körperbehindertenpädagogik

    VEMAS

    Verhaltensauffälligkeiten von Menschen mit Behinderung verstehen – den Menschen sehen – die Perspektive ändern.

    Das EU-geförderte Verbund-Projekt "VEMAS – Verhalten macht Sinn" (Prof.'in Dr. Sophia Falkenstörfer, Universität Würzburg; Prof. Dr. Thomas Hoffmann, Universität Innsbruck & Monique Lambertz, Dienststelle für Selbstbestimmtes Leben Eupen, Belgien) hat zum Ziel, dem Unterstützungsumfeld zu ermöglichen, eine andere Perspektive auf "auffällige" Verhaltensweisen bei Menschen mit geistiger und schwerer Behinderung und Verhaltensauffälligkeiten einzunehmen. Dazu wird ein Fort- und Weiterbildungskonzept entwickelt, implementiert und evaluiert, das unter anderem einen Online-Kurs, fallbasierte Erklärvideos sowie praxisnahe und diagnostische Handreichungen umfasst.

    Beim belgischen Projektpartner wurden im Jahr 2022 in verschiedenen Einrichtungen der Behindertenhilfe Beobachtungen und Dokumentenerhebungen durchgeführt, die vom deutschen Projektpartner ausgewertet wurden. Auf der Grundlage dieser Auswertung und weiteren ergänzenden Recherchen wurden im Sommer 2023 vom deutschen Projektpartner Prototypen für verschiedene Beobachtungs- und Arbeitshilfen entwickelt (die "VEMAS-Produkte"), die ab Herbst 2023 im belgischen Feld getestet und evaluiert werden. Einige dieser Produkte sollen im Folgenden kurz vorgestellt werden.

    Ein zentrales Produkt ist der VEMAS-Beobachtungsbogen. Da das Umfeld einen Menschen zu einem Menschen mit auffälligen Verhaltensweisen erklärt, hilft dieser Bogen durch genaue Beobachtungen herauszufinden, in welchem Kontext das Verhalten als auffälliges Verhalten definiert wird. Das Verhalten wird vor dem Hintergrund der agierenden Person und ihres (sozialen) Umfeldes her beschrieben. Auf der Grundlage diverser Kategorien werden im Beobachtungsbogen die unterschiedlichen Funktionen und Kontexte der als auffällig wahrgenommenen Verhaltensweisen zunächst schriftlich festgehalten. Anschließend werden (vermutete) Gründe darüber formuliert, warum das Verhalten so in Erscheinung tritt, wie es in Erscheinung tritt. Der Beobachtungsbogen stellt das erste und umfassendste diagnostische VEMAS-Produkt dar und eröffnet damit den erwünschten Verstehensprozess.

    Der VEMAS-Gesprächsleitfaden für Menschen mit Behinderungen ermöglicht es, die Sicht der betroffenen Person selbst auf ihr gezeigtes Verhalten sowie mögliche Gründe dafür zu ermitteln. In dem Gesprächsleitfaden werden erste Vorschläge für neue Handlungsoptionen von der Person selbst formuliert.

    Daran anknüpfend dient der VEMAS-Gesprächsleitfaden für das soziale Umfeld dazu, die Perspektiven und Sichtweisen des sozialen Umfeldes auf die Person und ihr auffälliges Verhalten zu erheben sowie (vermutete) Gründe und Annahmen herauszuarbeiten. In dem Gesprächsleitfaden soll das soziale Umfeld weitere Perspektiven auf die vermuteten Gründe des auffälligen Verhaltens eröffnen.

    Anhand der bisher erhobenen Daten des VEMAS-Projekts konnte außerdem festgestellt werden, dass Menschen mit Behinderungen und Verhaltensauffälligkeiten überdurchschnittlich viele und häufig nicht kompatible Medikamente mit extremen Nebenwirkungen verschrieben werden. Aus diesem Grund wurde die VEMAS-Medikamenteninformation entwickelt, die den Fokus auf Psychopharmaka und Antiepileptika setzt und mögliche Aus- oder Nebenwirkungen der am häufigsten verabreichten Medikamente auf das Verhalten aufzeigt.  

    Ein weiterer wichtiger Ansatzpunkt ist der Blick in die Biographie und die Zukunft. Menschen mit Behinderungen werden oft nur in der Gegenwart und mit Fokus auf ihre Diagnosen wahrgenommen. Vergangenheit und Zukunft werden im Unterstützungsalltag häufig ausgeklammert. Mit der VEMAS-Biographiearbeit soll die Suchbewegung in die Vergangenheit gerichtet werden, um einerseits mögliche Erklärungsansätze für das auffälligen Verhalten zu erschließen und andererseits um (vergessene) Handlungsoptionen ggf. (neu) zu entdecken. Durch das Bewusstsein über die Vergangenheit kann sich der Blick für die Zukunft öffnen.

    Im Anschluss daran unterstützt die VEMAS-Zukunftsplanung Menschen dabei, über ihre Zukunft nachzudenken. Im Fokus stehen die Ziele, Gaben und Möglichkeiten des jeweiligen Menschen sowie seine persönlichen Vorstellungen über eine gute Zukunft, auf deren Basis konkrete Ziele und Pläne entwickelt werden können. Für diesen Prozess ist es wichtig, dass die Person einen stabilen Unterstützerkreis (VEMAS-Unterstützerkreis) hat, der sie auf dem Weg begleitet, für sie mit plant und Aufgaben übernimmt. Personen des VEMAS-Unterstützerkreises wirken darüber hinaus auch im bereits genannten VEMAS-Gesprächsleitfaden für das soziale Umfeld, der VEMAS-Biographiearbeit und dem VEMAS-Fallbesprechungskonzept mit.

    All diese Produkte werden von der VEMAS-Handreichung gerahmt, während im VEMAS-Personenbogen und im VEMAS-Rückführungsportfolio zentrale Informationen, Hypothesen und Handlungsoptionen aus der Arbeit mit den anderen VEMAS-Produkten zusammengetragen werden. Das nachfolgende Schaubild gibt einen Überblick über diesen Prozess:

     

     

    Förderung: ERASMUS+

    EU Logo

    Von der Europäischen Union finanziert. Die geäußerten Ansichten und Meinungen entsprechen jedoch ausschließlich denen der Autor*innen und spiegeln nicht zwingend die der Europäischen Union oder der Europäischen Exekutivagentur für Bildung und Kultur (EACEA) wider. Weder die Europäische Union noch die EACEA können dafür verantwortlich gemacht werden.

    Projektlaufzeit: Okt. 2021 – Sept. 2024

    Beteiligte Projektpartner:

    Teilprojektleitung am Standort Deutschland: Prof.‘in Dr. Sophia Falkenstörfer

    Teilprojektkoordinator: Timo Dins

    Studentische Mitarbeitende: Laura Müller, Clara Schmidlechner, Paula Zwadlo, Sarah Willig

    Projektwebsite des Koordinators: https://www.uibk.ac.at/projects/vemas/index.html.de


    Aktuelles

    Eintrag vom 14.11.2023: Fachkräfte-Workshop in Eupen (Belgien) am 10. Nov. 2023

    Drei Bilder vom VEMAS Team, welches in Belgien auf einer Tagung seine Ergebnisse Präsentiert

    Das VEMAS-Team blickt auf einen spannenden, erkenntnisreichen und kommunikativen Fachkräfte-Workshop am 10. November 2023 (Kloster Heidberg, Eupen, BE) zurück. Bei dieser Veranstaltung stellte das deutsche VEMAS-Team den belgischen Praxispartnern unter anderem die Auswertung der Daten der belgischen Einrichtungen und Dienste vor und zeichnete nach, wie diese die Erstellung einzelner VEMAS-Produkte ermöglicht und erleichtert haben. Außerdem wurden von insgesamt 14 Menschen mit Behinderungen individualisierte Rückmeldungen gegeben, die Informationen, Anregungen und neue Fragen enthalten, die sich aus der Auswertung der Daten ergeben haben. Im Zentrum standen jedoch die Prototypen von insgesamt zehn VEMAS-Produkten, die den belgischen Fachkräften in einer intensiven Workshop-Phase vorgestellt und mit ihnen diskutiert wurden. In den kommenden Wochen und Monaten haben die Fachkräfte die Gelegenheit, die Produkte in ihrem Alltag zu testen und zu evaluieren. Das deutsche VEMAS-Team ist gespannt auf die Rückmeldungen!

     

    Eintrag vom 11.09.2023: Evaluationsphase hat begonnen

    Beim heutigen Treffen der Projektpartner aus Belgien (Dienststelle für selbstbestimmtes Leben) und Deutschland (JMU Würzburg) wurde die Evaluationsphase des VEMAS-Projektes eingeläutet. Das VEMAS-Gesamtkonzept wurde vorgestellt und erste Prototypen gezeigt. Diese Prototypen werden am 10. November in Belgien in einem Fachkräfte-Workshop gemeinsam erarbeitet, sodass die Praxispartner in Belgien in der Folge diese Produkte testen können. Es handelt sich unter anderem um einen Beobachtungsbogen, der den Fachkräften erleichtern soll, verschiedene Perspektiven auf als auffällig wahrgenommene Verhaltensweisen einzunehmen, und Leitfäden und Handreichungen zu verschiedenen methodischen Ansätzen wie z.B. zur Biographiearbeit oder zur Zukunftsplanung. Die Evaluationsphase wird zeigen, ob und inwiefern sich die Produkte im Unterstützungsalltag bewähren, und welche Anpassungen und Veränderungen vorgenommen werden müssten, damit diese gut genutzt werden können.

     

    Eintrag vom 12.07.2023: Erste Prototypen entstehen

    Aktuell werden erste Prototypen für einzelne Projektergebnisse des VEMAS-Projektes erstellt. Grundlage bietet zum einen die qualitativ-inhaltsanalytische Auswertung der Daten (diese wird voraussichtlich im Sommer abgeschlossen sein). Zum anderen kann auf umfangreiche Literatur-Reviews und Methodensammlungen zurückgegriffen werden, die vom VEMAS-Team am Standort Würzburg erarbeitet worden sind. Konkret entstehen Erstentwürfe für die Projektergebnisse 1 (Beobachtungsbogen), 6 (Leitfäden zur Biographiearbeit), 7 (Fallbesprechungskonzept) und 8 (Konzept einer persönlichen Zukunftsplanung). Diese Prototypen werden Ende 2023 beim belgischen Projektpartner im Feld und mit den Beteiligten (mit und ohne Behinderung) erprobt und evaluiert. Die Rückmeldungen werden helfen, die Projektergebnisse praxistauglicher zu gestalten, ohne den Menschen selbst aus dem Blick zu verlieren.

     

    Eintrag vom 20.03.2023: Start der Auswertung am Standort Würzburg

    Nachdem die Daten anonymisiert und transkribiert (d.h. von Handschrift in Computerschrift überführt) wurden, kann am Standort Würzburg nun die Auswertung der vom belgischen Praxispartner eingereichten Beobachtungen, Beschreibungen und Dokumente beginnen (siehe Einträge vom 05.10.2022 und 22.12.2022). Insgesamt liegen Ausführungen von und zu 29 Personen mit Behinderungen vor. Ein erster Blick in diese Ausführungen lässt eindrückliche Lebensgeschichten und Herausforderungen im Leben und in der Unterstützung der Projektteilnehmenden bereits erahnen. Die Daten werden nun qualitativ-inhaltsanalytisch ausgewertet. Ziel ist es, auf der Grundlage der Schilderungen und Informationen zentrale Kategorien zu ermitteln, die u.a. der Strukturierung verschiedener Projektergebnisse nutzen (Beobachtungsbögen, Fragebögen für Menschen mit geistiger Behinderung und deren Umfeld, Anleitungen zur Biographie-Arbeit, usw.).

     

    Eintrag vom 18.01.2023: Teilprojekt „Fallgeschichten“ gestartet: Menschen mit Behinderung erzählen, was sie bewegt

    Am Standort Belgien wird in Zusammenarbeit zwischen deutschem und belgischen Projekt- bzw. Praxispartner das Projektziel 10 „Fallgeschichten“ in die Wege geleitet. Die (belgischen) Fachkräfte erarbeiten dazu ihre Überlegungen in einem Fragebogen. Im Laufe des Jahres 2023 werden die am Projekt teilnehmenden Menschen mit Behinderung die Gelegenheit haben im Rahmen der „Fallgeschichten“ aus ihrem Leben zu berichten oder zu erzählen, was sie bewegt. Diese Berichte und Erzählungen werden professionell gefilmt. Ziel ist es, den Projektteilnehmenden mit geistiger Behinderung die Möglichkeit zu geben, ihre eigene Geschichte zu erzählen und sich „in einem anderen Licht“ zu präsentieren als dies für gewöhnlich der Fall ist.

     

    Eintrag vom 22.12.2022: Erarbeitung von Beobachtungsbögen und Fallgeschichten

    Die Fachkräfte am Standort Belgien haben die Beobachtungsaufträge abgeschlossen (siehe Eintrag vom 05.10.2022), der Projektpartner im Standort Deutschland kann nun also mit der Sichtung und Aufbereitung der eingereichten Beobachtungen und Beschreibungen beginnen. Da die meisten Ausführungen in Handschrift verfasst wurden, müssen diese zunächst in Computerschrift übertragen (d.h. transkribiert) werden. Bei diesem Schritt werden die Daten zugleich anonymisiert, sodass die Person für Andere, die nicht am Projekt beteiligt sind, nicht mehr identifizierbar ist. 

     

    Eintrag vom 05.10.2022: Belgischer Praxispartner bearbeitet erste Beschreibungs- und Beobachtungsaufträge

    Im zweiten und dritten Projekttreffen in Eupen, Belgien (Juli und September 2022) wurden erste Beschreibungs- und Beobachtungsaufträge diskutiert und formuliert, die seit Juli 2022 von den Fachkräften in Belgien bearbeitet werden. Die Fachkräfte werden unter anderem gebeten, die von ihnen als verhaltensauffällig erlebten Personen und Situationen genauer zu beschreiben. Zum anderen sollen sie Informationen zur Biografie der Person (z.B. aus der eigenen Erfahrung oder Erinnerung oder aus Aktenvermerken) zusammentragen. Die Beobachtungen, Beschreibungen und Informationen sollen zum einen dazu beitragen, die Projektteilnehmenden mit geistiger Behinderung und Verhaltensauffälligkeiten und ihre Biografien besser kennenzulernen. Zum anderen sollen auf der Grundlage der Schwerpunktsetzungen durch die Fachkräfte erste Rückschlüsse auf relevante (oder fehlende) Beobachtungskategorien ermöglicht werden.